Curling wird auf einem Eis gespielt, welches jede Saison neu gemacht und während der Saison speziell gepflegt wird. Gutes Curlingeis herzustellen, braucht viel Können und Geschicklichkeit.

Armin HarderIch hatte die Gelegenheit, ein Interview mit Armin Harder, Level 3 CCA Ice Technician, Geschäftsführer der Rocky Mountain Curling GmbH und Direktor der Curling Champions Tour (früher WCT-E). Armin ist mit seiner Crew der Rocky Mountain Curling GmbH unter anderem für das Eis im Curlingzentrum Region Basel verantwortlich.

Das Eis

Eisbereitung

Armin, wie lange dauert es, das Curlingeis für die Saison bereit zu stellen?
(lacht) Die ganze Saison über ...
Nein, im ernst: Ich fange etwa 3-4 Wochen vor Saisonbeginn an, je nach dem, was in der Halle noch gemacht werden muss. Im Sommer gibt es verschiedene Vorbereitungsarbeiten. Die Eismaschinen und der Hallenboden wird kontrolliert und wenn nötig Instand gestellt. Das Eis selbst bereitzustellen dauert 2-3 Wochen.

In welchen Schritten wird das Eis bereitet?
Das ist sehr komplex. Nachdem die Instandstellungsarbeiten abgeschlossen sind, wird der Boden und damit auch die Halle herunter gekühlt. Dann fängt ein sehr komplexer und umfangreicher Prozess an, um das Eis Schicht für Schicht aufzubauen

Wie viel Wasser wird für die Halle in Arlesheim mit seinen 8 Rinks benötigt?
Für die ganze Saison wird 60-70 m3 (= 60-70 t) Wasser benötigt.
Der Boden ist nicht eben. Deshalb ist die Eisschicht nicht bei jedem Rink gleich dick.

Wird spezielles Wasser verwendet?
Ja, es wird demineralisiertes Wasser verwendet. Es ist wichtig, dass es keine Mineralien enthält. Destilliertes Wasser ist gar nicht geeignet, da es zu säurehaltig ist. Der PH-Wert muss um 7 sein.

Wie kalt muss das Eis resp. der Boden sein?
Man kann nicht einfach Wasser auf den Boden schwemmen und dann zu Eis kühlen. Es ist wichtig, dass das Eis mit dem Boden verbunden wird, da sich sonst Luftblasen bilden.Eisbereitung
Zuerst wird der Boden auf -6°C herunter gekühlt. Dann wird eine feine Wasserschicht aufgesprüht. Diese aufgesprühte Schicht wird so dick aufgebaut, dass sie beim anschliessenden Schwemmen nicht weggespült wird. Wenn ich das Eis auf diese Weise mit dem Boden gebunden habe, wird die Temperatur stufenweise erhöht und Schicht für Schicht geschwemmt.
Die oberste Schicht wird bei ca. -3°C aufgeschwemmt. Damit ist gewährleistet, dass das Wasser nicht zu schnell gefriert und sich damit gleichmässig und eben auf der ganzen Fläche verteilen kann. Dies ist absolut zentral, denn grobe Unebenheiten können nicht maschinell weggeschliffen werden. Mit dem Hobel kann das Eis während der Saison nur repariert und partiell ausgeglichen werden.
Die fertige Eisoberfläche wird auf einer Temperatur von -4.5°C gehalten, d.h. der Boden muss entsprechend kälter sein. Relevant ist aber nur die Oberflächentemperatur.
Auch die Curlingsteine müssen sich zuerst an die Hallentemperatur angleichen, bevor sie auf das Eis kommen. Ansonsten würden sie sich ins Eis einschmelzen.

Was hat die Temperatur für einen Einfluss auf das Curlingspiel?
Die Temperatur ist wichtig für den Pebble. Dieser muss zum Spielen eine gewisse Zeit halten. Wenn die Eisoberfläche zu warm ist, geht der Pebble zu schnell weg (= flat ice) und wenn sie zu kalt ist, curlen die Steine nicht und laufen gerade.
Hier spielt auch die Temperatur des Pebble-Wassers und die Grösse des Pebbles eine Rolle.

Gibt es spezielle Anforderungen an den Hallenboden?
Am besten ist er eben. Die Rohre für die Kältezuführung müssen gleichmässig und eben im Boden verteilt werden, damit die Temperatur auf dem Boden überall gleich ist. Der Betonboden muss in einem Stück gegossen werden.

Spielt es eine Rolle, ob die Linien und die Hausfarben auf dem Hallenboden aufgemalt oder als Kunststoff ins Eis eingelegt werden?
Ist der Boden schon bemalt, ist es bei der Eisbereitung einfacher. Der Vorteil von eingelegten Zeichnungen ist, dass die Farben kräftiger sind oder besser zu sehen sind, je näher sie an der Eisoberfläche sind. Durch die Saison hindurch gelangen auch Schmutzpartikel ins Eis, welche nicht entfernt werden können und so die Zeichnungen auf dem Hallenboden 'stören'.

Du platzierst immer eine Münze im Eis. Was bedeutet dies?
Da wo ich Eis mache, kommt eine solche Münze ins Eis. Das ist seit vielen Jahren ein Glücksbringer.

Was kann beim Eis machen alles schief gehen?
Alles! (lacht)
Ja das Eis machen ist eine sehr komplexe Angelegenheit und es spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle. Temperatur, Wasserqualität, Maschinen, Lüftung (enorm wichtig).
Es braucht eine Luftumwälzung, die immer stabil ist bei 6°C und 60% Luftfeuchtigkeit. Die Halle in Arlesheim ist sehr alt und schlecht isoliert. Deshalb wirken sich alle Wetterveränderungen direkt auf die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der Halle aus. Da muss ich enorm aufpassen, dass ich die Verhältnisse in der Halle stabil halten kann und sich z.B. aufgrund erhöhter Luftfeuchtigkeit kein Frost auf dem Eis bildet.

 

Heavy Maintenance

3 mal pro Saison ist die Halle ein paar Tage wegen 'Heavy Maintenance' geschlossen. Was geschieht da genau?
Das Eis wird in der Saison gebraut. Es wird viel darauf gespielt, wir pebbeln, wir bearbeiten es, das Wetter ändert sich. Eis verdunstet auch und dies aufgrund von unregelmässigem Luftzug z.B. auf Rink E mehr als auf anderen Rinks. Die Veränderungen des Eises wird laufend beobachtet und mit Hilfe des Hobels und dem normalen Unterhalt kann das eine gewisse Zeit ausgeglichen werden. Irgend wann ist dies aber nicht mehr möglich. All 6 Wochen kommt es dann zu einer 'Heavy Maintenance'.
Zuerst müssen die Steine vom Eis. Bei den Steinen und um das Hack, wo sich der Schmutz sammelt, wird das Eis weggebrannt. Generell wird das Eis gut abgehobelt und anschliessend wieder neu aufgeschwemmt. Das ist der einzige Weg, wie wir wieder zu einer wirklich ebenen Eisfläche kommen. Würden wir dies nicht machen, wäre das Eis ab Mitte Saison eine Katastrophe.

Eis wischen Eis pebbeln Eis pebbeln

 

Daily Maintenance

Was wird bei den täglichen Unterhaltsarbeiten gemacht?
Um das Hack und bei den Steinen wird der Dreck geputzt. Dann wird gehobelt. Es werden Löcher geflickt, Hand-, Knie- und Nasenabdrücke (lacht) ausgeglichen und zum Schluss wieder gepebbelt.

Warum wird gehobelt?
Mit dem Hobeln wird der alte Pebble und Reif entfernt. Die Reifbildung ist zu vergleichen mit einem Kühlschrank. Eine Curlinghalle ist grundsätzlich nichts anderes als ein grosser Kühlschrank. Der Reif ist schlecht für den Curl. Weiter wird mit dem Hobeln auch der Schmutz, der von den Curlern aufs Eis gebracht wird, aber auch aus der Luft kommt (Staubpartikel), entfernt. Nach dem Hobeln sollte das Eis wieder sauber sein.

Wann werden welche Schritte durchgeführt?
Vor jedem Turnier wird am Morgen früh gehobelt.
Wenn wir an einem Breitensportturnier 7 Runden pro Tag spielen sind das 12-14 Stunden Curling. Da haben wir gar keine Zeit, um zwischen den Runden grössere Arbeiten durchzuführen. Dann wird zwischen den Runden lediglich gewischt und der Pebble erneuert. Dieser ist für das Curling das Wichtigste. Selbstverständlich wird gegen Ende des Tages die Eisqualität schlechter.
Für der Spitzencurling und bei Meisterschaften wird vor jeder oder mindestens vor jeder zweiten Runde gehobelt. Damit wird eine konstante Eisqualität gewährleistet.
Es muss übrigens im Spitzensport für Damen und Herren ein unterschiedliches Eis gemacht werden. Bei den Herren wird durch die grosse Wischleistung das Eis in einer halben Stunde um bis zu 2°C erwärmt. Bei den den Damen höchstens um 1°C.

Was kann beim Unterhalt schief gehen?
Solange die (Hilfs-)Eismeister alles im Griff haben, sollte nicht viel passieren. Es kann natürlich zu Ausfällen bei den Maschinen kommen. Auch kann das Hobelmesser stumpf werden und zu Unregelmässigkeiten führen. Aufpassen muss ich auch bei einem neuen, sehr scharfen Messer. Hier besteht die Gefahr, im Eis hängen zu bleiben und tiefe Furchen zu hinterlassen.

Wie kann man Fehler wieder korrigieren?
Wir machen keine Fehler ...
Die meisten Probleme sind schleichende Sachen, die sich über die Zeit ergeben (unregelmässig gespielte Rinks, etc.). Gröbere Löcher oder Schrammen werden in der Regel von den Curlern verursacht und nicht von der Eiscrew.
Der einzige Weg, Löcher zu reparieren ist mit Wasser. Man kann aber nicht einfach ein Loch mit Wasser eben auffüllen. Ein grösseres Loch kann bis zu 6 Stunden Arbeit verursachen, um es einigermassen wieder aufzufüllen und flach zu hobeln.

 

ArminsFirstCurlingClubAusbildung zum Eismeister

Wie bist du zum Eismeistern gekommen?
Ich spiele schon 32 Jahre Curling. Ich habe eine technische Ausbildung. Bei diversen Clubs habe ich verschiedene Sachen gemacht, den Eismeistern geholfen. So hat sich das mit der Zeit ergeben. Seit 25 Jahren mache ich schon Curlingeis, seit 1993 vollamtlich. Ich habe da mein Hobby zum Beruf gemacht und jetzt ist es Arbeit und nicht mehr Spass (lacht trotzdem). 1996 bin in die Schweiz gekommen. Zu dieser Zeit hat es in der Schweiz noch keine guten Eismeister gehabt. Ich habe diese Marktlücke entdeckt. (Bild: Armins erster Curlingclub 1975 'Curling Club Norwood Ontario')

Was fasziniert dich daran?
Ich liebe den Curlingsport. Meine Herausforderung ist es, gutes Eis für spannende Spiele herzustellen.

Was braucht es, um ein guter Eismeister zu werden?
Man muss eine gute, fundierte technische Ausbildung mitbringen. Der Eismeister muss von der Maschinen- und Lüftungs- und Wassertechnik sowie von der Physik eine Ahnung haben. Nichts passiert, weil es einfach passiert. Alles hat seine logische Ursache (z.B. Wetter). Der Eismeister muss die Zusammenhänge verstehen und antizipieren können, um rechtzeitig zu reagieren.
Dann muss man auch das Spiel verstehen. Ohne Spielverständnis fehlt das Verständnis für die Anforderungen der Curlingspieler an das Eis.
Dies sind die beiden wichtigsten Faktoren. Du siehst, dass es sich stark auf die rationalen Elemente beschränkt. Emotionale Faktoren sind kaum im Spiel.
Es ist sehr viel harte Arbeit und Beobachtungsgabe um ein qualitativ hochstehendes Resultat zu erzielen.

In welchen Hallen hast du schon Eis gemacht?
Puh, an sehr vielen Orten. Das kann ich nicht aufzählen.

In welcher Halle bist du am liebsten und warum?
Ja natürlich Arlesheim (da kann ich gar nichts anderes sagen ...).
Arlesheim ist eine schwierige Halle und eine grosse Herausforderung, um eine gute Eisqualität zu erreichen. Es ist eine der schwierigsten Hallen, die es gibt.

Armin, ich danke dir für das sehr interessante und aufschlussreiche Interview.


N.B.

In Kanada gibt es ein offizielles, 5-stufiges Zertifizierungsprogramm für Eismeister (Canadian Curling Association Ice Technician).
Level 1 fokussiert auf die Eisaufbereitung in Curlinghallen.
Den Level 2 können Eismeister mit 2-3 Jahren Erfahrung erlangen. Der Fokus liegt auf der Eisbereitung in Curlinghallen und ist stark Praxis orientiert.
Erfahrene Eismeister können den Level 3 erlangen. Dieser ist sehr auf die Technik ausgerichtet mit einem Schwerpunkt auf die Eiskühlung.
Level 4 und 5 wird nur ausgewählten, in Kanada ansässigen Eismeistern ermöglicht und konzentriert sich auf die Eis(auf)bereitung in Arenen (z.B. Eishockey-Stadion für grosse Meisterschaften).

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